In Erinnerung an Annette Kuhn – Wegbereiterin für historische Frauenforschung

Prof. Dr. Annette Kuhn
Foto: HdFG
Prof. Dr. Annette Kuhn
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Das Haus der FrauenGeschichte (HdFG) trauert um seine Gründerin, die feministische Historikerin Professorin Dr. Annette Kuhn. Im Alter von 85 Jahren ist Annette Kuhn am 27. November 2019 in Bonn verstorben. „Mit Annette Kuhn verlieren wir eine enthusiastische Kollegin und Mitstreiterin für Geschlechtergerechtigkeit. Ohne ihr energisches Engagement würde das Haus der Frauengeschichte in Bonn nicht existieren“, so der Vorstand des Haus der FrauenGeschichte e.V.

Annette Kuhn, die am 22. Mai 1934 in Berlin geborene Historikerin jüdischer Herkunft, hat die Geschichtsdidaktik und die historische Frauenforschung in Deutschland maßgeblich geprägt. Dabei bildeten die Reflexion der NS-Zeit und die Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte zentrale Aspekte ihres wissenschaftlichen Schaffens, ebenso wie die Weiterentwicklung einer kritischen Geschichtsdidaktik. Mit 30 Jahren, 1964, wurde Annette Kuhn als jüngste Professorin der Bundesrepublik auf den Lehrstuhl für Mittelalterliche und Neuere Geschichte der Pädagogischen Hochschule in Bonn berufen. 1986 erhielt Annette Kuhn die erste Professur für historische Frauenforschung in Deutschland, die sie als eine eigene wissenschaftliche Disziplin begriff. Nach ihrer Emeritierung 1999 rief die engagierte Professorin mit einigen Gleichgesinnten den Verein „Haus der Frauengeschichte zur Förderung des geschlechterdemokratischen historischen Bewusstseins e.V.“ ins Leben, mit der Vision ein Frauengeschichtsmuseum zu gründen.

Dank ihrer Willensstärke hat sich Annette Kuhn gegen viele Widerstände durchgesetzt und konsequent ihren Weg verfolgt. Sie war Mentorin, kämpferische Professorin sowie motivierte Netzwerkerin für die Sache der Frauen. 2003 wurde Annette Kuhn für ihre Leistungen mit dem Johanna-Loewenherz-Preis und zwei Jahre später mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt. Sie initiierte zahlreiche Projekte, um das Leben und Handeln von Frauen präsent zu machen. Zu ihren Werken gehören u. a. die Quellen-Reihe Frauen in der Geschichte, die Chronik der Frauen und Historia - Frauengeschichte in der Spirale der Zeit. Sie war wissenschaftliche Leiterin des POLITEIA-Projekts und Mitherausgeberin der Spirale der Zeit sowie der Schriftenreihe Haus der FrauenGeschichte. In ihrer Autobiografie Ich trage einen goldenen Stern - Ein Frauenleben in Deutschland (2003) schrieb sie von den Kindheitserfahrungen im englischen und US-amerikanischen Exil und den Schwierigkeiten, sich nach 1948 im deutschen Alltag zu integrieren. Auch verbunden mit dem Gedenken an ihre Mutter Käthe Kuhn, geb. Lewy, gründete sie 2008 die Annette-Kuhn-Stiftung.

Die wichtigsten Ergebnisse Annette Kuhns inhaltlicher Arbeit zur Frauen- und Friedensforschung, die sie auch eng mit Philosophie verknüpfte, trug sie im 2012 eröffneten HdFG zusammen. Aufgebaut wurde das Haus vor allem durch die Stiftung, private Spenden und zahlreiche Unterstützer*innen. Mit ihrer Schaffenskraft und ihrem unbeirrbarem Willen hat sie sich damit selbst einen Lebenstraum verwirklicht.

Das HdFG-Team, das bis 2018 fast ausschließlich aus ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen bestand, darunter „alte“ Weggefährt*innen sowie „neue“ Interessierte, erlebte eine fröhliche und leidenschaftliche Gründerin. Annette Kuhn blieb bis zuletzt engagiert in der Entwicklung des HdFG und in ihrem Bestreben, Frauengeschichte im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dieses Interesse ließ auch nicht nach, als ihr gesundheitlicher Zustand keine regelmäßige Anwesenheit im HdFG erlaubte.

Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei Annette Kuhns Familie und ihren engen Freund*innen. Das HdFG wird Annette Kuhn ein ehrendes Angedenken bewahren und ihr wissenschaftliches Erbe, die frauenhistorische Bildung und Forschung als Beitrag zu einem geschlechterdemokratischen Bewusstsein, weitertragen und fortentwickeln.